Russisches Roulette

Pünktlich zum Beginn der

Leipziger Buchmesse

erscheint das vielbeachtete Buch

Russisches Roulette

von

Horst Teltschik, der viele Jahre lang aussenpolitischer Berater

Heelmut Kohls

war und später lange Zeit die

Münchener Sicherheitskonferenz

leitete. Teltschik war eine der wichtigsten Figuren beim Zustandekommen der Deutschen Einheit. Sein diplomatisches Geschick und seine Menschenkenntnis waren wichtige Faktoren, als es darum ging, die möglichen Sorgen auch westlicher Verbündeter über ein zu starkes Deutschland zu zerstreuen. Seine Tätigkeit brachte ihn immer wieder mit der Sowjetischen

und später der

Russischen

Führungselite in Kontakt. In seinem nun erscheinenden Buch setzt sich Teltschik kritisch mit der westlichen Politik hinsichtlich russlands auseinander, und auch wenn Deutsche Leitmedien in der Vergangenheit oftmals kritische Stimmen, die Zweifel an der von

NATO

und

EU

betriebenen Russlandpolitik anmeldeten, gern als “Putinversteher” diffamiert haben, so kann man einem Mann wie Teltschik diesen Vorwurf ganz sicher nicht machen. Ich selbst habe bereits vor Jahren die gegenwärtige westliche Aussenpolitik im Bezug auf Russland durchaus kritisch gesehen, und das hatte rein gar nichts mit Sympathien für einen Mann wie

Putin

zu tun, sondern mehr mit aussenpolitischer Vernunft. Wie Teltschik in diesem grossartigen

Gespräch

Sinngemäss sagt: Im Kern muss sich Aussenpolitik immer an eigenen Werten orientieren, aber man darf vor lauter Eifer nicht die eigenen Interessen aus dem Blick verlieren. Mitunter kann man in der Tat auch aus meiner Sicht den Eindruck gewinnen, dass es Kräfte in westlichen Hauptstädten gibt, die an einer Auseinandersetzung mit Russland nur deshalb interessiert sind, weil sie vom eigenen Versagen ablenkt. So stimme ich Teltschik zu wenn er sagt, dass wir das Europäische Projekt selbst gefährden und zerstören; in der Tat, dafür brauchen wir Russland ganz sicher nicht. Auch habe ich die gegenwärtige Russland-Debatte in den USA immer sehr kritisch gesehen, denn obwohl kaum abzustreiten ist, dass Russland sich in die Präsidentschaftswahlen 2016 eingemischt hat, so dient die hysterische Berichterstattung doch nur dazu davon abzulenken, dass das Versagen der US-Amerikanischen politischen Eliten einen Trump erst möglich gemacht hat; vor allem für Demokraten scheint es eine beruhigende und tröstende Vorstellung zu sein, dass die Russische Einmischung in den Wahlkampf die Niederlage massgeblich verschuldet hat. Das ist aus meiner Sicht absoluter Unfug, denn wie sich möglicherweise 2020 schon erweisen wird, hat die Niederlage der Demokraten mit einem Betriebsunfall nichts zu tun.

Was die mediale und politische Debatte bezüglich Russlands angeht fällt mir immer wieder negativ auf, wie oft man über die Person Putin spricht, aber nur relativ selten tiefgründig Machtstrukturen hinter dem Mann ins Visier nimmt; Menschen wie Teltschik wissen, dass das Denken der politischen Eliten in Russland schon in den letzten Jahrhunderten stets von Expansionsdrang geprägt wurde, und die naive Vorstellung einiger, dass ein Nachfolger Putins mit dieser Tradition brechen würde oder könnte, ist kurzsichtig und irreführend. Das Problem, auf welches Teltschik verweist, ist das dominierende Sicherheitsdenken innerhalb des Russischen Machtapparates. Selbst wenn, wie Teltschik argumentiert, viele Russische Unterstellungen mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben, so bleibt es eine Tatsache internationaler Beziehungen, dass Wahrnehmungen mindestens genauso wichtig sind wie tatsächliche Intentionen. Eine neue Aussenpolitik gegenüber Russland muss genau hier ansetzen.

Das Buch von Teltschik wurde auch

hier

besprochen; bleibt mir nur das Fazit, dass wir dankbar sein dürfen einen Mann mit dem Format Teltschiks an der Seite Kohls gehabt zu haben.

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