Aus dem persönlichen Archiv: Über meine kurze Zeit als Radiomacher

Viele lamentieren unaufhörlich, und für die meisten scheint unser gegenwärtig stark entschleunigtes Leben ein Fluch. Auch in meinem eher spärlich bemessenem Bekanntenkreis wusste plötzlich niemand mehr etwas mit sich anzufangen, und obwohl ich es mir kaum einzugestehen wage, so ist die durch Corona verordnete Zwangspause für mich ein Segen. Wenn ein sogenannter Job lediglich unterfordert und belastet, und den von Karl Marx geprägten Begriff der „Arbeitsentfremdung“ neue Konturen verleiht, dann fällt das Loslassen vom deutschen Arbeitsethos nicht schwer. Während für andere Corona und die Folgen Belastung bedeuteten, führte die Arbeitspause bei mir zu einer erstaunlichen Gemütsverfassung. Nach nur einigen Wochen fühlte ich mich physisch und auch psychisch so gesund und motiviert, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr getan habe.Mit anderen Worten: Was gesellschaftliche Verhältnisse nicht vermochten, schaffte das Virus innerhalb kürzester Zeit.

So war mein digitales Bücherregal bis zum Bersten gefüllt, und trotz grösster Anstrengungen konnte ich nur einen Teil des längst überfälligen Lesestoffs abtragen. Und doch, die letzten zwei Monate waren eine Zeit persönlicher Weiterbildung, und dies ging in meinem Falle weit über das Politische hinaus. Grade naturwissenschaftliche Themen, mit denen ich mich eher selten tiefer auseinandersetzte, wurden auf einmal relevant. Aber was vielleicht noch viel interessanter und ergiebiger war ist eine durch Zufall inspirierte Spurensuche, die mich in das Frühjahr und den Sommer 2014 zurückkatapultierte. Grade war ich von Sheffield nach Berlin zurückgekehrt und hoffte auf Arbeit im Journalismus. Ob dies im Radio oder den Printmedien geschehen würde, war mir zu jener Zeit völlig gleich. So erfuhr ich über Umwege vom Projekt Ohrfunk, einer Radiostation, die von Blinden und Sehbehinderten ehrenamtlich betrieben wird. Sie ist in Ansätzen vergleichbar mit der britischen Station Insight Radio, der ersten Radiostation Europas, welche sich spezifisch an blinde und sehbehinderte Menschen wendete.

Hobby und Berufung zugleich: Eine Zeit der Träume, Hoffnungen und Leidenschaft

In früher Jugend wurde ich zunächst stark vom Deutschlandfunk geprägt, und der dort verwendete Stil war der Massstab aller Dinge. Später dann war es vor allem die BBC, die mich mit Formaten vertraut machte, in welchen hochwertiger Journalismus mit weniger intellektuellem Pathos produziert wurde. Abgerundet wurde das Ganze durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Australiens. Auch wenn der „Rote Kontinent“ nicht grade das Land der Dichter und Denker ist, so steht der dortige Rundfunk dem Unseren in nichts nach. Vielleicht ist es grade der relativen Isolation des Landes geschuldet, dass die Berichterstattung hinsichtlich internationaler Ereignisse oft tiefgründiger ist als hierzulande.

Zudem bleibt Phillip Adams für mich der herausragendste Radiomoderator, der mir bis jetzt bekannt ist. Bis heute inspiriert mich die Lebensgeschichte dieses Mannes, gepaart mit seiner unglaublichen Vielseitigkeit. Selbst heute noch, wann immer Adams auf der anderen Seite der Welt vor dem Mikro sitzt, wird meine Welt ein bisschen bunter. Wenn es um das Radiomachen ging, hatte ich also eine genaue Vorstellung von dem, was ich machen wollte und welches Niveau ich anstreben würde. Reine Intuition genügte, um nach Interviews und Recherchen Struktur und Klangbild entstehen zu lassen – Inhalt und Form des Beitrages waren kein Problem, und das Team des Ohrfunks liess mir alle Freiheiten, wofür ich bis heute sehr dankbar bin. Weniger vorbereitet war ich auf die technischen Notwendigkeiten, die für das Produzieren von Radioinhalten unentbehrlich sind. In diesem Bereich war ich so unbedarft, dass mich die Macher des Senders zunächst in die einfachsten Grundlagen einführen mussten. Letztendlich hatte ich ein Olympus Diktiergerät, ein USB-Mikrofon und die Software Sound Forge, die wir alle für das Schneiden der Beiträge nutzten. Nun hieß es raus ins Leben und Radio machen. Die damals entstandenen Aufnahmen sind Schätze lang verloren geglaubt im Cyberdickicht unserer digitalen Spätmoderne – archäologische Raritäten tief vergraben im permanenten Datenstrom der Zeit. Letztendlich war ich selbst der Glückliche, der nach vielen Jahren durch reinen Zufall auf diese ersten persönlichen Gehversuche im Radiojournalismus stiess.

Vereint im Verein Connect Berlin

Für mich hatte der klassische Heimatbegriff schon längst seine Gültigkeit verloren, und ich definierte meine eigene Identität nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat. So fühle ich mich der angelsächsischen Welt genauso zugehörig wie der Deutschsprachigen. Da ich in Vorbereitung meines Australienabenteuers den Sommer 2003 in Berlin verbrachte, zog es mich bereits damals schon an den wöchentlich stattfindenden Stammtisch von Connect Berlin. Folgerichtig besuchte ich diesen Verein erneut im Frühjahr 2014, und es war hier wo mein erster Radiobeitrag entstand. Die Künstlerszene Berlins war mir zu jener Zeit auch nicht völlig fremd. So liess die Jazz-Schule Berlin die „Goldenen Zwanziger“ noch einmal auferstehen. So müsse es im Milieu der Berliner Kunstschaffenden jener Zeit wohl zugegangen sein. der Mischung aus Dekadenz und persönlicher Freiheit kann ich bis heute viel abgewinnen. Da blinde und sehbehinderte Menschen die Zielgruppe des Ohrfunks ausmachen, kamen sie in meiner Berichterstattung natürlich auch vor. Ob es nun um abstrakte Kunst oder Politik ging war dabei unerheblich. Auch die globale Herausforderung der Energiewende beschäftigte mich und war an anderer Stelle Diskussionsthema auf dieser Seite. Schließlich war es die bittere Erkenntnis, dass man von Luft und Liebe allein nicht leben kann, die mich zwangen einen Job anzunehmen, für den ich vollkommen überqualifiziert war, und welcher mich bis heute nicht glücklich gemacht hat. Außerdem hatte ich von noch niemandem gehört, für den der Ohrfunk ein Sprungbrett in den professionellen Journalismus wurde. Früher oder später hätte sich also ohnehin die Frage gestellt, inwieweit persönlicher Aufwand und Nutzen miteinander in Einklang stünden. So befreiend das Radiomachen auch war: Mittel- und langfristig hätte ich mehr gewollt als Inhalte für bestenfalls ein paar hundert Leute zu produzieren. Anfangs gab ich mich noch der Illusion hin, dass ich aufgezwungene Arbeit und Berufung unter einen Hut bringen könne, doch die Realität in der Gastronomie hatte mich bald eingeholt. Denjenigen in Politik und Bürokratie, die immer wieder das „Arbeitsethos“ predigen, habe ich zumindest den Gefallen getan in keiner Statistik als arbeitslos aufzutauchen. Eine gescheiterte Existenz? Fehlanzeige. Wenn die durch die Pandemie verordnete Zwangspause mir eines vor Augen geführt hat, dann wie sehr ich unter meiner gegenwärtigen Situation leide. Nahezu alles in meinem Leben fühlt sich falsch an. Geblieben ist mir nur das gelegentliche Schreiben.

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